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In den Tagen seines Fleisches - Hebräer 5, 7

Der in den Tagen seines Fleisches
... an dem, was er litt, den Gehorsam lernte. Hebräer 5,7-8

 


Einleitung
 
Lernen ist ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum erstreckt, das gilt offensichtlich auch für den Sohn des Menschen. Golgatha bildet für Jesus den abschließenden Höhepunkt, den schmerzlichsten Teil seines Lernens. Auch Hiob musste leiden. Er litt bereits vor seiner uns berichteten Geschichte. Das wird in den Worten Satans deutlich, wenn er sagt: Haut um Haut. Mit dem Ausdruck „Haut um Haut“ wird angezeigt, dass Hiob sein letztes Hemd zu geben bereit gewesen war. Wie anders ist es sonst zu verstehen, dass Satan sagt: Haut um Haut. In Hiobs Leben muss es wohl Situationen gegeben haben, in denen er bereit war alles herzugeben, auch seine Kleidung, selbst auf die Gefahr hin, dass er frieren könnte, weil er nackt ist. Das hatte auch der Widersacher an Hiob gesehen.
 
Satans Aufwartungen vor Gott verheißen nie Gutes. Nach der Audienz geht es erst richtig zur Sache. Und so litt Hiob vieles: von Seiten Gottes, durch Satan, von seiner Frau und auch von seinen Freunden. Satan spekulierte: „Haut um Haut, ja, alles was der Mensch hat, gibt er um sein Leben. Aber wenn Gott seine Hand ausstreckt und sein Gebein und sein Fleisch antastet, wird Hiob sicherlich sich offen von Gott lossagen.“ Und tatsächlich hatte Hiob in seinem Leid so manche persönlichen Schwierigkeiten, mit sich, mit seiner Frau, mit seinen Freunden und auch mit Gott. Doch am Ende geht er mit Hilfe Elihus als ein erneuerter Hiob hervor, der von da an eine tiefere Beziehung zu Gott hat. Auch Jesus gab alles, sogar sein Leben. Im Unterschied zu Hiob nicht für sich selbst, sondern alles für uns.

 
Der in den Tagen seines Fleisches,
da er sowohl Bitten als Flehen dem,
der ihn aus dem Tode zu erretten
vermochte, mit starkem Geschrei
und Tränen dargebracht hat
(und um seiner Frömmigkeit willen
erhört worden ist), obwohl er Sohn
war, dan dem, was er litt,
den Gehorsam lernte.


 

In den Tagen des Fleisches den Gehorsam lernen

Bevor wir uns mit dem Term aus Hebrärer 5,7 und 8 beschäftigen, möchten wir einen Vers aus Jeremia noch voranstellen. Der Leser soll darauf eingestimmt werden, was Gott tut und wie er es tut und das besonders heute. Siehe, ich bestelle dich an diesem Tage über die Nationen und über Königreiche, um auszurotten und niederzureißen und zu zerstören und abzubrechen, um zu bauen und um zu pflanzen.

Wenn Gott vom Bauen redet, dann spricht er von seinem Haus. Wenn Gott vom Pflanzen redet, dann handelt es sich u.a. um eine neue Schutzmauer im Sinne einer Hecke, die Dornen trägt. Doch bevor Gott baut und pflanzt, muss er das Alte ausrotten, niederreißen, zerstören und abbrechen. Und was soll da ausgerottet, niedergerissen, zerstört und abgebrochen werden? Wir meinen, das sind die falschen Vorstellungen und Lehren, die das Bauen des Hauses uns erklären und die selbstersonnenen Dornenhecken, die man gebaut hat, um sich dahinter zu verstecken. Alles das rottet Gott aus und reißt es nieder und zerstört es. Auch das, was von den alten Brüdern zu Papier gebracht, wird zerrissen. Für Holz, Heu und Stroh ist bereits das Feuer angemacht.

Auch dieses Skript ist durchaus dazu geeignet, alte Belehrungen über Bord zu kippen, so wie es in der Apostelgeschichte von der Mannschaft notgedrungener Maßen durchgeführt wurde. Mehr Details dazu findest du im Skript / Buch: Die Torah des Messias.
 
Nun zu unserem Thema: In den Tagen seines Fleisches ... den Gehorsam lernte. Die entscheidende Frage dazu ist: Auf welche Tage spielt Paulus an.

Wenn das Wort Tag, griechisch: Hemera – ημερα- im Plural steht, dann kann es sich unmöglich nur um den einen, dem Tag im Garten Gethsemane, handeln. Die Tage seines Fleisches müssen mehr gewesen sein, mehr als zwei Tage. Die Tage seines Fleisches beschreiben einen Zeitraum, und welchen, den gilt es nun zu untersuchen.

Das Wort „litt“ lautet auf Griechisch pascho und wird im Neuen Testament 41mal gebraucht. Es beschreibt eine Sensation, einen Druck oder die Wirkung, die durch Dinge, die auf den Menschen eindringen, ausgelöst wird. Sehen wir uns einen Text aus Lukas an. Warum dieses Evangelium? Als Arzt beschreibt Lukas den Herrn als Menschen und von Menschen verstand er eine ganze Menge. Wir können das auch folgendermaßen ausdrücken und sagen: Ein Arzt malt uns den Sohn Gottes, in den Tagen seines Fleisches, vor Augen. Den Vers, den wir jetzt genauer unter die Lupe nehmen wollen, finden wir in Lukas 9, Vers 22:

1.  und (Jesus) sprach: Der Sohn des Menschen muss
2.  vieles leiden
3.  und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten,
4.  und getötet
5.  und auferweckt werden.

           
Hier verwenden wir die griechische Grammatik, die uns die Zeiten anzeigen sollen, in denen der Herr litt. Der Vers wird nach der Elberfelder von 1905 zitiert und wird in Fettdruck wiedergegeben.


Der Sohn des Menschen
 
  1. muss – griech. δεῖ -dei-; das Wort steht im Präsens, also Gegenwart. Der Herr drückt damit aus, dass er bereits während des Zeitpunkts des Sprechens leidet. Was er leidet, wird uns an dieser Stelle nicht gesagt
  2. vieles – griech. πολύς -polus-, steht hier im Plural und bedeutet im Singular „in jeder Hinsicht“ und im Plural: oft, meistens, größtenteils.
  3. leiden - πάσχω -pascho-; das Wort steht im Aorist, eine Vergangenheitsform; es beschreibt eine erlebte Sensation bzw. Wirkung oder Druck. Jesu Leiden wiederholte sich beständig. Weil der Herr mit dem Wort „muss“ auch auf die Gegenwart hinweist, litt er nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch zum Zeitpunkt seines Sprechens. Das Wort „leiden“ steht hier nicht, wie man es eigentlich erwarten würde, in der Passivform, sondern in der Aktivform.
  4. und verworfen werden – griech. Ἀποδοκιμάζω -apodokimazo- steht im Aorist, eine Vergangenheitsform, d. h., der Gesalbte wurde schon vor der Zeit des Sprechens verworfen und wirkt bis in die Gegenwart. Der Ausdruck „verworfen“ steht in der Passivform, denn er wird verworfen von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten,
  5. und getötet werden – griech. ἀποκτείνω -apokteino- für „töten“, steht hier im Aorist, Vergangenheitsform und im Passiv. Nun stellt sich hier die Frage: Warum verwendet der Schreiber die Vergangenheitsform? Ich versuche eine Antwort zu geben und hoffe verständlich zu sein. Lauschen wir, was Jesus einmal sagte: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch, dass jeder, der ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, schon Ehebruch mit ihr begangen hat, in seinem Herzen. Der Herr spricht hier über das siebte Gebot. Wir können nun in Analogie dazu das sechste Gebot nehmen und sagen: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst nicht töten. Ich aber sage euch, dass jeder, der finster auf einen Menschen blickt, um ihn zu töten, den Mord schon begangen hat. Auch wenn die Taten noch nicht ausgeführt wurden, so waren jene vor Gott schon längst schuldig, denn im Herzen des Mörders wurde die Tötung bereits vollendet und im Herzen des Ehebrechers der Ehebruch schon vollzogen.
  6. und am dritten Tag
  7. auferweckt werden - griechisch: egeiro; das Wort steht im Aorist und im Passiv. Luk 9,22 Warum in der Passivform? Weil der Evangelist Lukas den Herrn als Sohn des Menschen beschreibt. Tote auferwecken ist einem Menschen nicht möglich, dass kann nur Gott. Deshalb klingt es bei Johannes anders. denn in seinem Evangelium wird Jesus als Sohn Gottes geoffenbart (und gleichzeitig der Vater). Als Gott besitzt er das Leben an sich schon immer. Joh.10,18: Niemand nimmt (Präsens, aktiv) es von mir, sondern ich lasse (Präsens - aktiv) es von mir selbst. Ich habe (Präsens aktiv) Gewalt, es zu lassen (Aorist, aktiv), und habe (Präsens, aktiv) Gewalt, es wiederzunehmen (Aorist, aktiv). Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen (Aorist, aktiv).

                         
Der Aorist kann auch dazu verwendet werden, um zu betonen, dass etwas, dass sich zukünftig ereignet, auch ganz sicher eintrifft. Anmerkung zu dem Wort „empfangen“ aus Joh.10,18: Wenn das Verb lambano im Aktiv steht, muss es „nehmen“ heißen und nicht „empfangen“. Lambano wird mit dem Wort „empfangen“ nur dann übersetzt, wenn das Wort im Passiv steht, in diesem Vers steht das Wort ελαβον im Aktiv und muss daher mit „nehmen“ übersetzt werden. Jesus hatte zur Zeit des Sprechens das Gebot vom Vater bereits genommen, deshalb im Aorist. Sehen wir uns das Wort lambano -λαμβανω- an, wenn es im Passiv verwendet wird. Matthäus 7,8: Denn jeder Bittende empfängt (lambanei – λαμβανει).

Wenn wir das Leid mit wenigen Worten ausdrücken wollen, können wir sagen: Jesus hatte bereits zum Zeitpunkt des Sprechens gelitten. Mit jedem gesprochenen Wort spürte er, wie der Druck zunahm, sich die Anspannung bei jeder Leidensankündigung verstärkte. Ist das nicht eine zutiefst menschliche Erfahrung? Auch wir kennen Druck und Anspannung vor besonderen Ereignissen. Anspannungen vor und während der Vorstellungsgespräche, vor Prüfungen, vor Bekanntgabe von Beurteilungsnoten oder ärztlichen Untersuchungsergebnissen u.v.m. Je näher solche Termine heranrücken, desto größer empfinden wir den Druck. Wie groß wird sich der Leidensdruck bei unserem Herrn aufgebaut haben? Es wird erzählt, dass Jesus mit versteinerter Miene nach Jerusalem ging. Anders ließ es sich gar nicht aushalten, um in die Höhle des Löwen zu gehen und das Martyrium am Kreuz zu erdulden.

In den Tagen seines Fleisches hat Jesus mit starkem Geschrei und Tränen dargebracht. Wo finden wir Momente, in denen der Herr schrie und weinte? Betrachten wir die Szene im Garten Gethsemane. Der Herr nimmt drei Jünger besonders und erteilt ihnen die Anweisung, mit ihm zu wachen. Anschließend geht er allein ein wenig weiter. Wie weit? Der Bericht sagt: ein wenig, einen Steinwurf weit. Jesus hat sich ein wenig von den Dreien entfernt? Wir sind sicher, Jesus blieb in Hörweite. Nun wissen wir auch, dass es bereits Nacht war. Kein Vogelgezwitscher, keine lärmende Menschenmenge, im Garten herrschte nächtliche Stille. Jesus war nur ein wenig weiter gegangen, kniete sich nieder und betete.

Anders die Jünger, sie werden müde. Und warum werden sie schläfrig? Nun, der Tag war anstrengend, die Nacht hereingebrochen und nächtliche Ruhe eingekehrt und so übertrug sich die Atmosphäre auf die Jünger. Jesus aber betete. Stellen wir uns nun vor, Jesus habe in die Stille der Nacht hinausgeschrien und geweint. Niemals würde sein Schreien und Weinen die ihn Umgebenden unbeeindruckt gelassen haben, ganz im Gegenteil. Durch das Schreien Jesu aufgewacht und hochgeschreckt würden die Jünger alarmiert und unverzüglich zu ihrem Herrn gelaufen sein. Aber nichts von all dem wird uns berichtet. Jedes Mal, wenn Jesus von seinem Gebet aufstand und zu seinen Jüngern zurückkehrte, fand er sie schlafend. Jesus hat in Gethsemane nicht geschrien und nicht geweint?

Wo finden wir Jesus schreiend und weinend? Paulus sagt in Hebräer 5,11: Über diesen haben wir viel zu sagen, und was mit Worten schwer auszulegen ist, weil ihr im Hören träge geworden seid. Was wirft Paulus den Lesern vor: Viel hätte er zu sagen, aber weil die Adressaten faul geworden sind, benötigte er für seine Erklärungen viele Worte. Trotz vieler Worte würden die Empfänger des Briefes ihn am Ende seiner Ausführungen immer noch nicht wirklich verstanden haben. Da sehen wir, was Trägheit so alles anrichtet. Raus aus dieser Trägheit kommen wir nur, wenn wir sein Wort studieren, beschreibt es uns doch Jesus auf unzählbare Art und Weise.

Und wo finden wir aber nun in der Schrift das starke Geschrei und die Tränen, die Jesus darbrachte? Es gibt nur eine einzige Stelle, in Psalm 142,2. Die Psalmen sprechen doch Messias oder nicht? Mit meiner Stimme schreie ich zu Jahwe, mit meiner Stimme flehe ich zu Jahwe. Wo wurde das Gebet gesprochen? Vers 1 teilt uns den Ort mit, David, der Schreiber des Psalms, befand sich in einer Höhle. Das hier verwendete hebräische Wort für Höhle ist M'arah – מערה – und beschreibt den Ort als einen dunklen Raum. Alles um ihn her war – עור: finster. Die Wortwurzel legt uns noch ein weiteres Detail frei. Das Wort lautet "ur" auf Hebräisch und bedeutet: nackt sein. Ob der Leser die folgenden Schlussfolgerungen versteht? Jesus befand sich, als er sein starkes Geschrei und die Tränen darbrachte, im Totenreich.

Jeder von uns wäre empört, wenn er hören oder lesen würde, dass ein Gerechter im Gefängnis sitzt. Doch es ist war, Jesus saß im Gefängnis des Totenreiches, Vers 8: Führe aus dem Gefängnis heraus meine Seele, damit ich deinen Namen preise! Nun könnte einer einwenden und sagen: Es heißt doch, in den Tagen seines Fleisches und nicht, in den Tagen seines Todes.
Dazu sehen wir uns ebenfalls eine Vers aus den Psalmen an. Denn meine Seele wirst du dem Scheol nicht lassen, wirst nicht zugeben, dass dein Frommer die Verwesung sehe. oder  wie Martin Luther übersetze: ... und nicht zugeben, dass dein Heiliger verwese. Auch die Zeit im Grab muss daher zu den Tagen seines Fleisches hinzugerechnet werden. In welclher Höhle betete David dieses Gebet?

Sehen wir uns das Geschehen auf Golgatha und die anschließende Grablegung Jesu genauer an. Im Evangelium nach Markus werden uns Detail mitgeteilt, die wir im Buch Samuel finden. Markus zitiert den Hauptmann: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn. Dann zählt der Evangelist weitere Personen auf, die das ganze Geschehen sahen: Nicht wenige Frauen, darunter Maria Magdalene, eine gewisse Maria, Salome und viele andere. Die Parallele finden wir in 1. Samuel 22, Vers 2: Und es versammelten sich zu ihm jeder Bedrängte, und jeder, der einen Gläubiger hatte, und jeder, der erbitterten Gemüts war, und er wurde ihr Oberster, und es waren bei ihm an vierhundert Mann. Sicher ist, die Menschen, die zu David kamen, wurden ihre Bedrängnisse, ihre Schulden und ihre bitteren Gemüter los konnten sie an der Höhle Adullams loswerden. Adullam weist direkt auf den Anfang einer neuen Epoche, denn Adullam bedeutet: Gerechtigkeit des Volkes.

Wo finden wir im Neuen Testament die Gerechtigkeit des Volks? Im Namen von Laodicäa, denn ihr Name bedeutet: Volksgerechtigkeit. Die Höhle Adullam deutet auf die Zeit von Laodicäa.
 
Jesus wurde in das Felsengrab des Arimathia gelegt. Pilatus gab später dem Hohenpriester und den Pharisäern eine Wache mit, die das Grab versiegeln sollten. Nach drei Tagen geschieht das Unglaubliche: Jesus steht von den Toten auf. Das Grab ist offen, die Tücher, die den nackten Leichnam bedeckten und das Schweißtuch, bleiben im Grab zurück. Das Schreien und Weinen Jesus wurde erhört und von Gott auferweckt. Und so erfüllte sich auch der letzte Vers von Psalm 142: führe aus dem Gefängnis heraus meine Seele, damit ich deinen Namen preise! Die Gerechten werden mich umringen, wenn du mir wohlgetan hast. Gott hatte ihm Wohlgetan und erweckte ihn von den Toten und so steht Jesus am Abend seines Auferstehungstages plötzlich, umringt, in der Mitte seiner Jünger.

Vers 11 beginnt mit den Worten: über diesen ... Wer ist „dieser“? Im nachfolgendem Satzteil wird es deutlicher, es heißt wörtlich: viel Logos. Übersetzen wir nun sinngemäß, dann will Paulus ausdrücken: Von diesem Jesus haben wir viel Logos. Und von diesem Logos sagt Johannes: Und der Logos ward Fleisch und wohnte unter uns und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut. Paulus stellt uns den Hohenpriester vor, beschreibt das „Bessere“ in Jesus. Johannes beschreibt ebenfalls den Hohenpriester. Die Kapitel 1-12 bilden den Arbeitsbereich des Messias, das ist der Vorhof. In Kapitel 13 bis 16 betritt der Hohepriester das Heiligtum. Im 17 Kapitel sehen wir Jesus im Allerheiligsten, nicht allein, sondern mit den elf Jüngern.


Über diesen Jesus, gibt es noch vieles zu entdecken  
Wie alles anfing, Lukas 2,51: Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth, und er war ihnen untertan. Und seine Mutter bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen.

Was war zuvor geschehen? Josef und Maria waren auf dem Heimweg. Nachdem sie bereits eine Tagesreise weit von Jerusalem entfernt waren, suchten sie Jesus, ihren Sohn, doch der war nicht auffindbar. Nun werden sie nervös und suchten aufgeregt weiter. Weil sie ihn auch nicht unter den Reisegefährten fanden, kehrten sie schleunigst und voller Unruhe nach Jerusalem zurück. Dort endlich angekommen, suchen sie weiter nach ihm. Jeder Vater und jede Mutter kann sich gut in die Lage der Eltern hineinversetzen. Man kommt so lange nicht zur Ruhe, bis man sein Kind gefunden hat.

Und so werden Josef und Maria keine ruhigen Nächte gehabt haben. Ihr unfreiwilliger zweiter Aufenthalts in Jerusalem wird mit vielem Suchen und Nachfragen ausgefüllt gewesen sein. Nacht und Tag sich den Kopf mit der bangen Frage zermarternd: Wo ist unser Jesus, lebt er noch? Nach insgesamt vier langen Tagen und Nächten finden sie ihn putzmunter im Tempel sitzen. Ihr Erstaunen, wörtlich: „geschlagen mit Erstaunen“, drückt die Spannung aus, die sich in den Eltern aufgebaut und beim Anblick ihres Sohnes sich schlagartig entlädt, besonders bei der Mutter. All ihre Gefühle des Schmerzes und der Pein um den verlorengeglaubten Sohn ergießen sich nun über ihn mit emotionsgeladener Wucht: Kind, warum hast du uns also getan? Der Vorwurf der Mutter klingt fast so, als wenn Jesus die Eltern mit Absicht hätte ärgern wollen. Man kennt sie ja, die Halbwüchsigen, die mit ihren Flausen im Kopf. Noch nicht erwachsen und schon wollen sie ihren eigenen Ideen und Vorstellungen frei und unabhängig folgen und so ihre Pläne verwirklichen.

Kennst du auch solche Gefühle, solche, die aufkommen, wenn Vater oder Mutter einem vorwerfen, man habe sie mit dem Verhalten nur ärgern wollen? Wie viele Eltern haben sich auf Grund falscher Deutungen über die Motive des Handelns ihrer Kinder geärgert und damit ihnen Unrecht getan? Hier erleidet der 12-jährige Jesus das Unrecht und muss sich den Vorwurf gefallen lassen. Aber mal ehrlich, waren es nicht tatsächlich die Eltern, die ohne den Jungen abgereist waren? Hätten sie nicht vor der Abreise den einen oder anderen fragen müssen: Habt ihr Jesus gesehen? Vielleicht hätte ein Onkel, ein Schwager oder ein Kamerad des Sohnes Auskunft über den Aufenthaltsort geben können. Vielleicht würde dann einer geantwortet haben: Ich habe Jesus in Richtung Tempelberg laufen gesehen. Ohne große Sorgen wären die Eltern dann nochmals zum Tempel gegangen und ihren Sohn inmitten der Gelehrten erlebt, hätten hören können, wie ihr 12-jähriger Sprössling sich mit den Schriftgelehrten und Ältesten unterhält und das auf höchstem Niveau. Dann hätten sie drei weitere schöne wundersame Tage mit ihm erlebt und ihren frühreifen Sohn richtig kennenlernt und ihn von da an ganz sicher nie mehr mit Kind angesprochen.


Doch wie wir wissen kam alles ganz anders. Die Eltern und ihre Frage stehen nun im Raum. Wie reagiert Jesus? Behutsam und zärtlich und mit einer für dieses Alter typischen Frage: Was ist es, dass ihr mich gesucht habt? In einfacherem deutsch lautet seine Frage in etwa so: „Was, ihr habt mich gesucht?“, fragt er ganz erstaunt. Der Junge wusste offensichtlich gar nichts von ihrer Abreise. Und weil Jesus, so ist zu vermuten, bereits während des Festes bei Freunden wohnte, fiel es auch dem Sohn nicht weiter auf, dass er bereits allein und ohne seine Eltern in Jerusalem weilte.

Auf die als Gegenfrage formulierte Antwort reagieren Vater und Mutter mit Unverständnis und so fügt Jesus ergänzend eine zweite Frage an: Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist? Wusstet ihr nicht? Der 12-jährige ist darüber erstaunt. Hätten Josef und Maria es denn wissen können? Ja, sie hätten es sogar wissen müssen. Sagte doch der Engel zu Maria: Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Lukas 1,32. Jesus, der Sohn des Höchsten, wollte im Haus seines Vaters sein. Auch Josef war frühzeitig informiert worden, kam doch auch zu ihm ein Engel und sagte: Josef, das in Maria Gezeugte ist vom Heiligen Geist. Und du sollst seinen Namen Jesus heißen; denn er wird sein Volk erretten von ihren Sünden. Wie reagieren nun Vater und Mutter auf die zweite Frage? Im nächsten Vers erfahren wir es: Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen redete und so kehrt bei den Eltern eine gewisse Sprachlosigkeit ein. Nach dieser Szene, so wird uns berichtet, reisen sie ab, diesmal aber zu dritt; und so kehrt die Familie nach Nazareth zurück.

Am Ende dieser Episode heißt es über Jesus: und er war ihnen, den Eltern, untertan. Wenn Jesus bereits als 12-jähriger sich danach sehnte, im „Haus seines Vaters“ zu sein, bekommen wir eine Ahnung darüber, wie innig und tief seine Beziehung zum Vater im Himmel war. Dennoch ist er bereit, sich den irdischen Eltern unterzuordnen und folgt ihnen ohne zu murren. Sich Vater und Mutter unterordnen bedeutet gleichzeitig, den himmlischen Vater zu ehren. Hat doch Gott selbst den Gehorsam gegenüber den Eltern geboten. Und so stellen wir fest, dass Jesus bereits in den frühen Tagen seines Fleisches litt und den Gehorsam lernte. Und weil Jesus in allem dem Vater ergeben war, wurde er, wie der Hebräerbrief sagt: wegen seiner Frömmigkeit erhört und aus dem Tod gerettet.

Die Geschichte endet mit einer Hoffnung für die Mutter: Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. Wenn Maria auch nichts von dem verstanden hatte, so fing sie dennoch an, die Dinge irgendwie zusammenzubringen. Das Wort „erwog“ lässt sich auch mit verknüpfen, verbinden, einen inneren Dialog führen, übersetzen. Wir dürfen annehmen, irgendwann hat Maria auch diese Episode für sich richtig verstanden. Und sollten wir einmal nichts oder nur wenig verstehen, können wir von Maria lernen. Machen wir es so, wie sie es tat. Alle seine Worte im Herzen anhaltend betrachten und erwägen, sie richtig zusammenbringen, um schließlich sein Wort zu verstehen. Auf diese Weise lernen wir richtig puzzeln und unseren Herrn besser kennen. Am Ende erhalten wir von Jesus ein klares, harmonisches und wunderschönes Bild.


 
Zusammenfassung:
  1. Unter der Phrase „In den Tagen seines Fleisches“ verstehe ich die gesamte Lebenszeit Jesu, denn wäre es anders, müsste der Text in etwa so lauten: Und in den letzten Tagen seines Fleisches. Jesus hatte ein Leben lang das Werk vor Augen. Das wird deutlich, wenn wir lesen, dass er seine Jünger vor Golgatha dreimal über die besonderen Leiden, die mit dem Tod enden würden, informiert. Es ist nicht vorstellbar, dass Jesus in dieser Zeit nicht mit seinem Vater darüber im Gebet war. Und je näher der Tag kam, desto mehr wird der Herr darüber im Gebet gewesen sein, dass seinen finalen Abschluss in Gethsemane fand.
  2. Das Wort „muss“ steht im Präsens und zeigt an, dass der Herr auch während seiner Rede litt. Das Wort zeigt auch an, dass es zwingend war zu leiden, es war ein Muss.
  3. Das Wort „viele“ deutet an, dass Jesus die meiste Zeit litt. Dazu heißt es in Jesaja:
  4. Er war verachtet – Verachtung gilt als die vollständigste Ablehnung einer Person. Sie wirkt umfassend auf Geist. Seele und Leib. Seelische als auch körperliche Schmerzen sind die Folge.
  5. Er war mit Leiden vertraut -mit etwas vertraut sein bedeutet, einen täglichen Umgangmit der Sache zu haben. Schon während der Jugendzeit wurde Jesus mit Leiden vertraut gemacht.
  6. Für wahr, er hat unsere Leiden getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wound wann hatte Jesus die Leiden getragen und die Schmerzen auf sich geladen? Das war nicht auf Golgatha, sondern wo? Im Evangelium nach Matthäus erfahren wir es. Viele Besessene und Kranke wurden zu Jesus gebracht. Matthäus kommentiert die Szene und schreibt: damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesajas geredet ist, welcher spricht: „Er selbst nahm (im Sinne von auf sich laden) unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten. Jesus litt nicht wenig, sondern in den Tagen seines Fleisches litt er außerordentlich viel. Er litt auch deshalb übermäßig, weil sie immer wieder Kranke und Besessene zu ihm brachten. Und noch viele andere Leiden nahm er bereitwillig auf sich. Am Ende seines Werkes, so stellt es der Schreiber des Hebräerbriefes fest, ist Jesus auf Grund seines feinen Charakters vollendet worden. Und so hören wir gerne auf den, der uns den Gehorsam vorlebte. Gehorchen ist eine lebenslange Übung, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.
  7. Das, was der Herr litt, wurde ihm nicht angetan; Jesus selbst war der aktiv Handelnde. Siehe nochmals unter dem Wort „leiden“ auf Seite 1.
   

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